Landtagswahl im Oktober: Hausärzteverband Hessen und
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen formulieren Wahlprüfsteine
Rund 4,4 Millionen Wahlberechtigte sind in Hessen am 8. Oktober 2023 aufgerufen, einen neuen Landtag zu wählen. Für den Hausärzteverband Hessen e. V. (HÄVH) und den Landesverband Hessen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ) steht dabei die Gesundheitspolitik im Fokus. Wie kann die bewährte wohnortnahe ambulante medizinische Versorgung durch niedergelassene Hausärztinnen und Hausärzte sowie Kinder- und Jugendärzt*innen sichergestellt werden? Welche Vorstellungen haben die Parteien? Der HÄVH und der BVKJ haben Wahlprüfsteine formuliert.
Hattersheim/Bad Homburg, 14.7.2023. „Die Situation für die niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzte sowie Kinder- und Jugendärzt*innen spitzt sich seit Jahren zu“, sagt Christian Sommerbrodt, erster Vorsitzender des HÄVH. „Die erheblichen Probleme haben sich in den vergangenen Jahrzehnten durch gesundheitspolitische Fehlentscheidungen und durch die falsche Verteilung verfügbarer Ressourcen entwickelt und gefährden nun das bewährte System massiv – zumal in den kommenden zehn Jahren ca. 50 % aller hessischen Hausärztinnen und Hausärzte in Rente gehen werden und es an Nachwuchs fehlt“, so Sommerbrodt. Bei den Kinder- und Jugendärzt*innen sehe es ähnlich aus, sagt Burkhard Voigt, zweiter Vorsitzender des Landesverbandes Hessen des BVKJ.
Zukunft der ärztlichen Versorgung
Mit Blick auf die angespannte Lage und angesichts der Landtagswahl im Oktober 2023 stellen der HÄVH und der BVKJ den hessischen Gesundheitspolitikerinnen und -politikern Fragen zur zukünftigen Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im Land. Dabei geht es um die Arbeitsbedingungen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ebenso wie um die Zukunft der ambulanten ärztlichen Versorgung insgesamt. Zudem verdeutlichen die Berufsverbände ihre Position.
Mehr Studienplätze
So weisen sie beispielsweise darauf hin, dass in den vergangenen 30 Jahren die bundesweite Zahl der Medizinstudienplätze von ca. 16.000 auf ca. 11.000 reduziert worden. In Hessen standen im Wintersemester 2022/23 an den Standorten Marburg, Gießen und Frankfurt 1149 Plätze für Erstsemester zur Verfügung. „Die Studienkapazitäten im Fach Humanmedizin an den hessischen Universitäten sollten erweitert werden“, lautet eine der Forderungen des HÄVH und des BVKJ. „Denn es müssen deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte ausgebildet werden, um die Kolleginnen und Kollegen zu ersetzen, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen werden“, heißt es in den Wahlprüfsteinen.
Investorengeführte medizinische Versorgungszentren
Weitere Themen sind investorengeführte medizinische Versorgungszentren (MVZ) und Versorgungsengpässe in ländlichen Gebieten. „In immer mehr Bereichen der ambulanten Medizin werden Praxen durch investorengeführte MVZs aufgekauft, deren primäres Geschäftsziel in der Gewinnerzielung ihrer Anteilseigner besteht. Das bedeutet, dass dritte, nicht an der medizinischen Versorgung teilnehmende Kapitalanleger Geld aus den Sozialkassen ziehen“, erläutert Burkhard Voigt. „Von den Gesundheitspolitikern wollen wir wissen, ob sie die Fortsetzung dieser Entwicklung für wünschenswert halten und wie sie zum Verbot Investorenbetriebener medizinischer Einrichtungen stehen“, erklärt der Kinderarzt aus Frankfurt.
Versorgungsengpässe im ländlichen Raum
„Der wirtschaftliche Druck auf inhabergeführte Arztpraxen führt dazu, dass immer größere Arztpraxen und Medizinische Versorgungszentren entstehen“, ergänzt Christian Sommerbrodt. „Dies wird zwangsläufig zu einer Verminderung der Standorte führen, was wiederum die Versorgung in ländlichen Gebieten weiter verschlechtern wird“, so der Hausarzt aus Wiesbaden. „Wir fragen die Politiker, wie sie diesem Versorgungsengpass entgegenwirken wollen.“
„Gesundheitskioske sind keine Lösung“
Nicht zuletzt gehen die Berufsverbände in ihren Wahlprüfsteinen auf die geplanten Gesundheitskioske ein: Der Bund will mit rund 1.000 neuen Gesundheitskiosken die gesundheitliche Versorgung in sozial benachteiligten Gebieten verbessern und Menschen in prekären Lebenssituationen sozialmedizinische Hilfe und medizinische Beratung zukommen lassen. „Diesen Bedarf sehen wir grundsätzlich auch und es gibt dafür schon langjährige und erfolgreiche Lösungen, wie z. B. die Sozialberatung in Arztpraxen“, sagt Sommerbrodt.
„Nur mit der Einrichtung von Gesundheitskiosken werden die eigentlichen Versorgungsprobleme aber nicht gelöst“, so der erste Vorsitzende des HÄVH. „Hier wird eine teure Parallelstruktur aufgebaut, die von den eigentlichen Herausforderungen ablenken soll – es ist zu befürchten, dass Gelder aus der medizinischen Versorgung abgezogen werden, um die Gesundheitskioske zu finanzieren. Abgesehen davon gibt es schon jetzt zu wenig medizinisches und pflegerisches Personal“, so die Kritik.
Die Wahlprüfsteine des Hausärzteverbandes Hessen e. V. und des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen finden Sie hier: https://www.hausaerzte-hessen.de/aktuelles/news/549-wahlpruefsteine
Pressekontakte:
Gundula Zeitz, Pressereferentin HÄVH
Tel.: 0171 8132671,
Dr. Soraya Seyyedi, Pressesprecherin BVKJ, Landesverband Hessen
Tel.: 0611 37621,