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Presse

Pressemitteilung vom 15.2.2023

„Wir sehen schwarz für die Zukunft Ihrer Versorgung“

  • Kundgebung in Frankfurt: Niedergelassene Ärzte protestieren auf dem Römerberg
  • Landesweit schließen erneut viele Haus- und Facharztpraxen

Frankfurt am Main. Aus Protest gegen die aktuelle Gesundheitspolitik versammeln sich Haus- und Fachärzte aus ganz Hessen heute ab 11 Uhr auf dem Römerberg in Frankfurt am Main. Zusätzlich bleiben landesweit zahlreiche Praxen geschlossen – nach den Schließungen im Oktober, November und Januar bereits zum vierten Mal. Zu den Protesten hatten zunächst der Hausärzteverband Hessen (HÄVH) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ), Landesverband Hessen, aufgerufen. Inzwischen hat sich ein breites Bündnis fachärztlicher Berufsverbände angeschlossen. Auch der Dachverband hessischer Ärztenetze, Hessenmed e. V., sowie der Verband der medizinischer Fachberufe (VMF) unterstützen den Protest. Motto der Kundgebung: „Wir sehen schwarz für die Zukunft Ihrer Versorgung“.

„Versorgung der Patientinnen und Patienten ist gefährdet“

„Wir protestieren gegen die Gesundheitspolitik der Bundesregierung, weil die medizinische Versorgung der Patientinnen und Patienten insgesamt gefährdet ist“, sagt Ralf Moebus, Landesvorsitzender Hessen des BVKJ. Besonders die Versorgung von Kindern und Jugendlichen werde dramatisch vernachlässigt. „Jeden Tag lehnen wir in den Praxen die Aufnahme neuer Patientinnen und Patienten ab, selbst die Versorgung Neugeborener ist vielerorts unmöglich“, so der Kinder- und Jugendarzt aus Bad Homburg. „Verantwortlich ist die Politik. Ständige Missachtung und Geringschätzung medizinischer Leistungen im ambulanten Sektor führt zu hoher Unzufriedenheit. Schon heute überlegen sich Praxisinhaber, vorzeitig ihre Tätigkeit einzustellen, Leistungen nicht mehr anzubieten oder im schlechtesten aller Fälle den Beruf zu wechseln“, erklärt Moebus.

Mehr als 97 Prozent aller Behandlungsfälle werden im ambulanten Sektor erbracht

„Die Gesundheitspolitiker aller Parteien verspielen mit ihrem engstirnigen Blick auf die Kliniken gerade die Zukunft der medizinischen Versorgung in Deutschland“, kritisiert Christian Sommerbrodt, Vorstandsmitglied des HÄVH. Der Hausarzt aus Wiesbaden erinnert daran, dass mehr als 97 Prozent aller Behandlungsfälle – das sind rund 600 Millionen – im ambulanten Sektor erbracht werden. „In Zukunft werden in den Notaufnahmen der Krankenhäuser auch diejenigen sitzen, die keinen Hausarzt mehr bekommen, weil sich keiner mehr niederlässt, und diejenigen, die keine Termine bei Fachärzten mehr bekommen, weil auch hier der Nachwuchs wegbricht. Der Ärztemangel und der Mangel an Fachkräften wird in den nächsten Jahren das Gesundheitssystem in nie da gewesener Härte treffen“, warnt Sommerbrodt.

„Das Limit ist für Medizinische Fachangestellte bereits überschritten“

Auf den Fachkräftemangel verweist auch Ingrid Gerlach, Bundesvorsitzende des Verbands der medizinischen Fachberufe (VMF): „In den Praxen fehlen immer mehr Medizinische Fachangestellte“. Dabei leisteten sie einen entscheidenden Beitrag: „Sie koordinieren die Terminplanung, geben telefonische Auskünfte, organisieren das Praxismanagement, assistieren bei Diagnostik und Therapie und sie sind eine wichtige Säule in der Prävention und Prophylaxe“, erklärt Gerlach. Den MFA stecke die Coronapandemie noch in den Knochen, jetzt kämen neue Probleme hinzu: „Sie führen die Diskussionen, wenn keine Termine frei sind und Versicherte aufgrund von Überlastung abgewiesen werden. Das Limit ist für MFA bereits überschritten“, so Gerlach. Eine VFM-Online-Umfrage von 2022 habe ergeben, dass rund 46 Prozent der MFA überlegen, den Beruf zu verlassen – auch aufgrund hoher Stressbelastung und fehlender Wertschätzung durch die Verantwortlichen in der Politik.

Fachärzte fordern Abschaffung der Budgetierung und ehrliche Bewertung von Leistungen

Dr. Lothar Born, Kardiologe aus Marburg und Vorsitzender des Hartmannbund-Landesverband Hessen, kritisiert unter anderem die Streichung der Neupatientenregelung. „Der Absicht des Gesetzgebers folgend haben viele Fachärzte ihre Neupatienten-Kontakte zum Beispiel durch längere Sprechstundenzeiten ausgeweitet. Jetzt werden diese Leistungen nicht mehr extrabudgetär bezahlt, sondern wieder mit der Gesamtvergütung beglichen“, erklärt Born.

„Für uns Fachärzte bedeutet dies, dass wir ab einer gewissen festgelegten Patientenzahl wieder abgestaffelt werden: Wir bekommen dann nicht mehr 100 Prozent bezahlt, sondern nur noch 60 bis 70 Prozent“, ergänzt Jan Henniger, Vorsitzender des Berufsverbands der niedergelassenen Chirurgen Deutschland (BNC).“ Wir fordern die vollständige Aufhebung der Budgetierung und eine ehrliche Vergütung! Der Leidtragende dieser Politik ist der sozial schwache Patient“: kritisiert der Facharzt für Chirurgie aus Frankfurt. „Unsere Patientinnen und Patienten müssen wegen der Leistungskürzungen mit längeren Wartezeiten für Termine rechnen“, so Henniger. In ländlichen Gebieten müssten eventuell auch längere Anfahrtswege in Kauf genommen werden.

„Konstruktive Lösungen müssen mit den Betroffenen diskutiert werden“

„Daher protestieren die Praxen in Hessen nicht nur für die Ärzte, sondern auch für eine gute medizinische Versorgung der Menschen“, sagt Rosemarie Wagner, Vorstandsvorsitzende des Dachverbands hessischer Ärztenetze, Hessenmed e. V. „Im Gesundheitswesen wird der Mangel mehr schlecht als recht verwaltet. Welche konstruktiven Lösungen gefunden werden können, muss diskutiert werden – und zwar mit uns, den Betroffenen“, appelliert die Fachärztin für Psychotherapie an die Politik. „Es geht um nicht weniger, als ein finanzierbares, leistungsfähiges und patientenorientiertes Konzept zu erhalten“, so Wagner.

 

Pressekontakte:

Gundula Zeitz, Pressereferentin HÄVH                                   Dr. Soraya Seyyedi, Pressesprecherin BVKJ
Tel.: 0171 8132671                                                                           Landesverband Hessen, Tel.:  0611 37621
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