Primärarztsystem: Hausärztliche Steuerung braucht funktionierende Instrumente
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hessen fordert eine starke hausärztliche Steuerung im geplanten Primärarztsystem. Die Politik müsse dafür die notwendigen Instrumente schaffen.
Hattersheim, 29.09.2026 – Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann will voraussichtlich im November einen Gesetzentwurf für das geplante Primärversorgungssystem vorlegen. Ziel sind eine bessere Patientensteuerung und kürzere Wartezeiten. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hessen (HAEV Hessen) unterstützt eine stärkere hausärztliche Steuerung. In den bisher bekannten Plänen fehlen aus Sicht des Verbandes jedoch die Instrumente, mit denen Hausarztpraxen tatsächlich steuern könnten. Zugleich sieht der Verband einen Widerspruch zur beschlossenen Sparpolitik: Ab Januar 2027 sollen die Vermittlungspauschale für Hausarztpraxen und die besondere Vergütung hausärztlich vermittelter dringender Facharztbehandlungen entfallen.
„Wir wollen ein funktionierendes Primärarztsystem. Aber erst die Terminvermittlung finanziell auszutrocknen und dann bessere Steuerung zu versprechen – das ist Politik gegen die eigene Reform“, sagt Christian Sommerbrodt, 1. Vorsitzender des HAEV Hessen. „Steuerung ist mehr als ein Überweisungsschein. Bisher sehen wir viele Erwartungen an die Hausarztpraxen, aber kein einziges Instrument, mit dem sie diese Erwartungen einlösen könnten.“
Steuerung braucht Instrumente – nicht nur Zuständigkeit
Hausarztpraxen unterstützen ihre Patientinnen und Patienten bereits heute bei der Suche nach medizinisch notwendigen Facharztterminen. Die Überweisungsregelungen bleiben bestehen, gestrichen wird die Vergütung für die Vermittlung. „Damit entfällt ausgerechnet das einzige Instrument, mit dem Hausarztpraxen heute medizinische Dringlichkeit in einen konkreten Termin übersetzen können“, kritisiert Sommerbrodt.
„Wir lassen unsere Patientinnen und Patienten nicht allein. Aber auch das engagierteste Praxisteam kann keinen Termin vermitteln, den es nicht gibt“, betont Sommerbrodt. „Wer uns die Verantwortung für die Patientensteuerung überträgt, muss auch dafür sorgen, dass wir tatsächlich steuern können.“ Der Verband befürchtet zudem, dass fehlende zeitnahe Termine in der ambulanten Versorgung den Druck auf die Notaufnahmen erhöhen.
„Patienten verschwinden nicht, wenn die Politik eine Vergütung streicht. Ihre Beschwerden bleiben“, sagt Sommerbrodt. „Wer die Terminvermittlung kaputtspart, riskiert noch vollere Notaufnahmen. Damit wird das Versorgungsproblem nicht gelöst, sondern verlagert.“
„Praxiskalender sind kein Selbstbedienungsladen“
Kritisch sieht der HAEV Hessen auch Forderungen des GKV-Spitzenverbandes nach einem verbindlichen Terminverzeichnis, in das Praxen Termine aus ihren Praxisverwaltungssystemen einstellen und über das Krankenkassen Termine über eigene Anwendungen vermitteln. „Ein Kalender schafft keine Behandlungskapazität. Wer Zugriff auf Termine bekommt, die es nicht gibt, kann sie auch nicht vergeben. Zudem kennen Krankenkassen weder die medizinische Dringlichkeit im Einzelfall noch die Abläufe in der Praxis“, betont Sommerbrodt. Fremdbuchungen führten zu Fehlbelegungen, Doppelterminen und zusätzlichem Aufwand für die Praxisteams.
„Unsere Praxiskalender sind kein Selbstbedienungsladen für Krankenkassen“, stellt Sommerbrodt klar. „Medizinische Dringlichkeit und Behandlungsbedarf müssen die Terminvergabe bestimmen. Die Verantwortung dafür gehört in ärztliche Hände. Digitale Vermittlung soll die Zusammenarbeit zwischen Haus- und Facharztpraxen erleichtern – nicht die Praxen fremdsteuern.“
Wer mehr Termine will, muss die Voraussetzungen dafür schaffen
Vom angekündigten Gesetzentwurf erwartet der HAEV Hessen deshalb konkrete Instrumente für eine funktionierende hausärztliche Steuerung:
- eine verbindliche hausärztliche Rolle im Primärversorgungssystem,
- den Erhalt einer verlässlich finanzierten Terminvermittlung in den Hausarztpraxen,
- verbindlich reservierte Terminkontingente in den Facharztpraxen für hausärztlich vermittelte dringliche Fälle – vollständig und außerhalb der Budgets vergütet,
- eine digitale Arzt-zu-Arzt-Vermittlung, die Haus- und Facharztpraxen direkt miteinander verbindet, statt Kassen-Anwendungen mit Zugriff auf Praxiskalender,
- die Hoheit der Praxen über ihre Terminorganisation und weniger Bürokratie, damit Zeit für die Sprechstunde bleibt.
„Wir sind bereit, Verantwortung für die Steuerung unserer Patientinnen und Patienten zu übernehmen“, sagt Sommerbrodt. „Aber Steuerung funktioniert weder per Gesetzestext noch per Kassen-App. Sie funktioniert, wenn es Termine gibt, wenn ihre Vermittlung finanziert ist und wenn die Entscheidung über die Dringlichkeit dort bleibt, wo die Patientinnen und Patienten bekannt sind: in der Hausarztpraxis.“
Pressekontakt:
Gundula Zeitz
Pressereferentin Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hessen
Tel.: 0171 8132671