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Primärversorgung neu denken:
Aufgaben teilen, Verantwortung klar zuordnen

Mainz, 18.8.2026 - Wie muss eine zukunftsfähige Primärversorgung aussehen? Darüber diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Versorgung und Gesundheitswirtschaft beim 12. BARMER-Länderforum in Mainz. Mit dabei: Christian Sommerbrodt, Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen. Für ihn wurde dabei vor allem eines deutlich: „Aufgaben können im Team neu verteilt werden – Verantwortung und Koordination müssen jedoch eindeutig geregelt sein.“

Wenn niemand den ganzen Menschen sieht

Wie schnell fehlende Koordination zum Problem werden kann, zeigte gleich zu Beginn ein Fallbeispiel von Prof. Stefanie Joos, Ärztliche Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen: Eine 72-jährige Patientin mit mehreren Vorerkrankungen entwickelt neue Schmerzen, später Kopfschmerzen und Sehstörungen. 

Sie durchläuft verschiedene Stationen des Gesundheitssystems – Orthopädie, Hausarztpraxis, Bildgebung, ohne dass ihre eigentliche Erkrankung – eine Polymyalgia rheumatica mit der gefährlichen Komplikation einer Riesenzellarteriitis, eine entzündliche Autoimmunerkrankung der großen und mittelgroßen Arterien – rechtzeitig erkannt wird. Am Ende landet sie nach einem Sturz mit einer Schenkelhalsfraktur in der Notaufnahme.

Nicht fehlende Kompetenz an einer einzelnen Stelle war das Problem, sondern die fehlende Gesamteinordnung. Jede Stelle sah einen Ausschnitt – niemand hatte den gesamten Verlauf im Blick.

Genau darin lag eines der zentralen Themen des Länderforums: Wer ordnet einen Fall medizinisch ein? Wer koordiniert den weiteren Weg? Und wie müssen die Übergänge zwischen den Beteiligten gestaltet sein?

Teamarbeit ist längst Alltag

Für Christian Sommerbrodt steht außer Frage, dass Aufgaben innerhalb der hausärztlichen Versorgung stärker im Team verteilt werden können. In vielen Praxen ist das längst Realität: Medizinische Fachangestellte übernehmen wichtige Aufgaben bei der Ersteinschätzung, VERAH führen delegierte Hausbesuche durch, und neue Berufsbilder wie Primary Care Managerinnen und Manager erweitern die Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

„Wir führen an vielen Stellen noch eine Debatte, die an der Realität in den Praxen vorbeigeht“, machte Sommerbrodt deutlich. „Teamarbeit ist längst Alltag. Die Frage ist nicht, ob wir Aufgaben teilen, sondern wie wir es sinnvoll und sicher tun.“

Auch Stefan Sydow, Leiter der Abteilung Gesundheit im Hessischen Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege, betonte, dass eine zukunftsfähige Versorgung nicht allein durch zusätzliches Personal entstehen werde. Entscheidend seien vielmehr klare Rollen und Abläufe innerhalb der Versorgungskette.

Für Sommerbrodt liegt die Grenze der Delegation dort, wo die medizinische Einordnung beginnt: „Es steht und fällt mit der Verdachtsdiagnose, die beim ersten Kontakt entsteht. Ohne sie gibt es keine Koordination.“

Die Anamnese könne auf mehrere Schultern verteilt werden, die Bewertung komplexer oder potenziell gefährlicher Symptome und die ärztliche Letztverantwortung müssten jedoch eindeutig zugeordnet bleiben.

Delegation ausbauen – Verantwortung klären

Auch in der Diskussion über neue Gesundheitsberufe zeigte sich mehr Gemeinsamkeit als Gegensatz. Mona Kleine, Physician Assistant und aktives Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA), betonte, Physician Assistants wollten nicht als „Arzt light“ verstanden werden. Diagnosestellung und Letztverantwortung sollten weiterhin ärztlich bleiben.

Sommerbrodt sprach sich dafür aus, die bestehenden Möglichkeiten der Delegation weiterzuentwickeln und die Delegationsvereinbarung im Bundesmantelvertrag an die heutige Vielfalt der Gesundheitsberufe anzupassen.

Bei Modellen der vollständigen Substitution, bei denen andere Berufsgruppen Aufgaben einschließlich der medizinischen Verantwortung eigenständig übernehmen, sieht er dagegen Klärungsbedarf: „Wenn neue Verantwortungsmodelle geschaffen werden, müssen Haftung, Versicherung und Vergütung vorher sauber geregelt sein – und nicht erst, wenn die neuen Strukturen längst laufen.“

Das größte Problem sind die Schnittstellen

Den wichtigsten Hebel sieht Sommerbrodt jedoch an anderer Stelle: bei den Übergängen zwischen Hausarztpraxis, Facharztpraxis, Krankenhaus, Pflege, Therapie und Apotheke. „Wir haben in Deutschland keine schlechten Ärztinnen und Ärzte, keine schlechten Kliniken und keine schlechten Apotheken. Wir haben schlechte Übergänge“, so seine Einschätzung.

Noch immer würden Prozesse doppelt erledigt, Informationen gingen verloren und Zuständigkeiten blieben unklar. Statt immer neue krankheitsspezifische Lotsenstrukturen zu schaffen, müsse die Koordination dort verankert werden, wo Patientinnen und Patienten kontinuierlich begleitet werden. „Als wichtigsten Schritt sehe ich, die Schnittstellen zu definieren. Nur damit können wir als Team arbeiten“, betont Sommerbrodt.

Die hausärztliche Praxis könne dabei eine zentrale koordinierende Rolle übernehmen. Ihre besondere Stärke sei die Kontinuität: Hausärztinnen und Hausärzte kennen viele ihrer Patientinnen und Patienten über Jahre und können dadurch Veränderungen häufig besser einordnen als einzelne, voneinander getrennte Versorgungsstationen.

Primärversorgung braucht Verbindlichkeit

Ein weiterer Schwerpunkt war die Frage, wie verbindlich ein künftiges Primärversorgungssystem ausgestaltet werden sollte. Prof. Joos warnte davor, ausschließlich auf Freiwilligkeit zu setzen. Auch die qualifizierte Überweisung und die verlässliche Rückmeldung aus der fachärztlichen Versorgung müssten stärker in den Blick genommen werden.

Sommerbrodt warb dafür, dabei auf bestehende Strukturen aufzubauen und Prozesse digital, transparent und verbindlich zu gestalten, statt immer neue Parallelstrukturen zu schaffen.

Gerade bei Überweisungen gebe es noch erheblichen Verbesserungsbedarf: Eine klare Fragestellung müsse ebenso selbstverständlich werden wie eine verlässliche Rückmeldung an die überweisende Praxis. „Wenn wir Koordination ernst meinen, müssen Informationen auch wieder zurückkommen. Sonst endet die Verantwortung an der Praxistür.“

Versorgung funktioniert nur gemeinsam

Das Länderforum zeigte: Über viele Grundfragen besteht bereits weitgehender Konsens. Interprofessionelle Teams werden künftig eine noch größere Rolle spielen. Digitalisierung kann Abläufe unterstützen, und eine stärkere Koordination der Versorgung ist notwendig.

Entscheidend wird jedoch sein, Aufgaben und Verantwortung sauber voneinander zu unterscheiden und die Schnittstellen verbindlich zu gestalten.

Für Sommerbrodt steht deshalb fest: „Kein Krankenhaus, keine Praxis, keine Apotheke und keine Versicherung kann dieses System im Alleingang retten. Entscheidend ist eine vernünftige Teamzusammensetzung – und dass klar ist, wer welche Aufgabe übernimmt und wer Verantwortung trägt.“

Am Ende, so Sommerbrodt, brauche eine Patientin oder ein Patient keine anteiligen Zuständigkeiten, sondern einen festen Anlaufpunkt, der den Überblick behält und den ganzen Menschen kennt.