Pharmazeutische Dienstleistungen?
"Das Stethoskop hängt nicht in der Apotheke"
Hattersheim, 19. Juni 2026 - Apotheken sind wichtige Partner in der Arzneimittelversorgung. Doch wo verläuft die Grenze zur ärztlichen Verantwortung? Im Interview ordnet Christian Sommerbrodt die aktuellen Pläne zur Ausweitung pharmazeutischer Dienstleistungen ein – und erklärt, warum Primärversorgung klare Zuständigkeiten, Patientensicherheit und eine eindeutige ärztliche Hauptverantwortung braucht.
Herr Dr. Sommerbrodt, spielen Apotheker jetzt Arzt?
Christian Sommerbrodt: Sie sollen jedenfalls in Bereiche vorrücken, die bisher ärztlich verantwortet waren. Blutdruckmessen allein ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn aus Messwerten Risikoeinschätzungen entstehen, Versorgungspfade geöffnet werden und Therapieempfehlungen ausgesprochen werden. Häufig ohne gesicherte Kenntnis der vollständigen Gesamtanamnese, Diagnosen, Laborbefunde und Therapieziele.
„Apotheker sind keine Ärzte light“, das sagt übrigens nicht nur ich. Das sagen KBV, Bundesärztekammer und mehrere KVen, die die Pläne der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, ABDA, scharf kritisiert haben. Die KV Sachsen hat die ABDA sogar ausdrücklich aufgefordert, ihr Positionspapier zurückzuziehen.
"Ich bin nicht gegen starke Apotheken. Ich bin gegen eine Primärversorgung in Einzelteilen. Apotheken können Arzneimitteltherapiesicherheit verbessern. Aber wenn aus Beratung Diagnostik, aus Messwerten Versorgungspfade und aus Medikationsprüfung Therapieempfehlungen werden, braucht es eine klare Hauptverantwortung. Sonst bezahlen wir neue Leistungen und die Hausarztpraxis räumt die Folgewirkungen auf." Christian Sommerbrodt, 1. Vorsitzender Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hessen
Ist das nicht unfair? Die ABDA kämpft doch nur für ihr wirtschaftliches Überleben.
Christian Sommerbrodt: Der wirtschaftliche Druck auf Apotheken ist real. Das Apothekensterben auch. Das erkenne ich an. Aber wirtschaftlicher Druck ist kein Qualifikationsnachweis. Und er rechtfertigt keine Kompetenzverschiebung zulasten der Patientensicherheit.
Die ABDA versucht, die Rolle der Apotheken politisch deutlich auszuweiten. Das ist als Interessenvertretung nachvollziehbar. Aber wenn ein Versorgungsbereich unterfinanziert ist, muss man ihn fair finanzieren und keine Kompetenzgrenzen politisch verschieben.
Muss man der ABDA nicht sogar Respekt zollen? Die betreiben offenbar bessere Verbandspolitik als der Hausärzteverband, die bekommen, was sie wollen.
Christian Sommerbrodt: Das ist die unbequemste Frage und sie verdient eine ehrliche Antwort.
Ja, die ABDA ist politisch erfolgreicher. Sie hat eine klare Narrative: „flächendeckend, niedrigschwellig, unverzichtbar“. Sie mobilisiert sichtbar: Protesttag, Nulltarif-Kampagne, Petition, Apothekenschließungen. Sie setzt Koalitionsverträge durch und bekommt Gesetze.
Wir Hausarztverbände haben bessere Argumente. Wir haben die bessere Evidenz. Wir haben 60.000 Patienten, die täglich sehen, was funktioniert. Aber wir haben uns zu lange damit begnügt, fachlich Recht zu haben und politisch unsichtbar zu bleiben.
Die ABDA hat verstanden: In der Gesundheitspolitik gewinnt nicht, wer die überzeugendsten Daten hat. Es gewinnt, wer das bessere Bild malt, wer früher im Ministerium sitzt, wer den Koalitionsvertrag mitschreibt. Das ist die eigentliche Lektion.
Der Unterschied ist auch struktureller Natur: Apotheken haben ein einheitliches Berufsbild, eine geschlossene Standesvertretung und ein klares wirtschaftliches Interesse, das sich leicht kommunizieren lässt. Hausarztverbände, andere Fachverbände, KBV, Landes-KVen, Ärztekammern: wir Ärzte sind fragmentiert, oft nicht abgestimmt. Und manchmal vielleicht nicht direkt gegeneinander, aber nicht aufeinander abgesprochen. Die ABDA spricht mit einer Stimme. Wir sprechen mit vielen.
Das müssen wir ändern. Nicht die Argumente, die sind richtig. Sondern die Sichtbarkeit, die Geschlossenheit, die politische Präsenz. Genau daran arbeiten wir. Dazu brauchen wir aber auch die Kolleginnen und Kollegen in den Praxen.
Warum unterstützt die Politik die Apotheker und nicht die Hausärzte?
Christian Sommerbrodt: Weil Apotheken ein besseres politisches Produkt haben.
Apotheken sind für Politiker sichtbar, greifbar, wählernah. Jeder kennt „seine“ Apotheke. Jeder weiß, wo sie steht. Wenn sie schließt, merkt man es sofort. Die „Apothekenschützungsrhetorik“ ist einfach: „Wir retten die Apotheke vor Ort.“ Das lässt sich auf ein Plakat drucken.
Hausarztpraxen sind mindestens genauso unverzichtbar aber ihre Gefährdung ist komplexer, langsamer, weniger sichtbar. Kein Patient merkt sofort, wenn ein Hausarzt aufhört, komplexe Polymedikation zu koordinieren. Er merkt es erst, wenn drei Fachärzte gegeneinander verschreiben und niemand mehr das Gesamtbild hält.
Dazu kommt: Die ABDA ist im Gesundheitsministerium seit Jahrzehnten präsent. Sie kennt die Referenten, sie kennt die Haushaltsansätze, sie kennt die parlamentarischen Zeitfenster. Lobbyarbeit funktioniert durch Kontinuität, durch Vertrauen, durch frühzeitige Einbindung in Referentenentwurfsphase. Da waren wir zu oft zu spät und holen erst in den letzten zwei Jahren auf.
Und es gibt einen dritten Faktor, den ich offen anspreche: Die Apothekenreform kostet den Staat zunächst überschaubares Geld: Ein Fixum hier, ein Topf für pharmazeutische Dienstleistungen dort. Die faire Finanzierung der Hausarztmedizin: Entbudgetierung, fairer HVM, faire EBM-Bewertung, das wäre strukturell teurer. Das ist politisch unbequemer. Also passiert es nicht.
Wo liegt das eigentliche Problem mit der ABDA?
Christian Sommerbrodt: Das Problem ist nicht die Apotheke vor Ort. Das Problem ist eine verbandspolitische Strategie, die Kooperation behauptet, aber gesetzliche Kompetenzerweiterung fordert, bevor Schnittstellen, Datenzugang, Rückmeldepflichten und Verantwortlichkeit überhaupt geklärt sind.
Von der ABDA vermisst die Ärzteschaft ein gemeinsames Verständnis von Patientenversorgung. Kein gemeinsames Konzept. Keine abgestimmten Schnittstellen. Keine definierten Kommunikationsstrukturen zwischen Apotheke und Praxis. Das ist bisher mehr Lobbylogik als Versorgungsarchitektur.
Was fordert die ABDA konkret?
Christian Sommerbrodt: Die ABDA setzt sich dafür ein, dass Medikationsmanagement bei komplexer Dauermedikation oder bei neu verordneter Dauermedikation auch ohne vorherige ärztliche Verschreibung in der Apotheke angeboten werden darf.
Die ABDA sagt dazu: Therapieentscheidungen bleiben beim Arzt. Das klingt beruhigend. Aber gleichzeitig soll die Apotheke eigenständig genau die Prozesse auslösen, in denen Therapieentscheidungen faktisch vorbereitet, kommunikativ vorgeprägt und für Patienten als Empfehlung formuliert werden. Das ist der Widerspruch.
Und der zeigt sich auch in der Vergütung: Der ärztliche Medikationsplan nach GOP 01630 liegt 2026 bei rund 4,97 Euro. Inklusive der gesamten ärztlichen Verantwortung. Die erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation in der Apotheke wird mit 90 Euro netto vergütet. Das ist kein Detail. Es zeigt, welche Struktur politisch aufgewertet und welche entwertet wird.
Gefährdet das die Patientensicherheit?
Christian Sommerbrodt: Systemisch: ja. Und das nicht als Einzelfall, sondern als Struktur.
Wer nur die Arzneimittelliste kennt, kennt nicht die Diagnosen, die Nierenfunktion, die Sturzanamnese, die Zielkonflikte bei Multimorbidität, die gemeinsam getroffenen Nutzen-Risiko-Abwägungen. Off-Label-Dosierungen, bewusst tolerierte Interaktionen, priorisierte Therapieziele bei konkurrierenden Risiken, das sind ärztliche Entscheidungen, keine Dokumentationsfehler.
Wenn ein Patient nach einer Apothekenkonsultation ein Medikament absetzt, das er seit Jahren bewusst einnimmt. Aber Wer klärt das? Die Arztpraxis. Wer wird dafür vergütet? Niemand. Wer trägt die klinische Letztverantwortung? Der Arzt. Die Vergütung und die Letztverantwortung fallen auseinander. Das ist das Kernproblem.
Was wäre denn echte Zusammenarbeit?
Christian Sommerbrodt: Partnerschaft bedeutet nicht Austauschbarkeit. Und ich will ausdrücklich sagen: Pharmazeutische Dienstleistungen sind nicht per se falsch. Wenn eine Apotheke Inhalationstechnik schult, Einnahmeprobleme erkennt oder die Adhärenz verbessert, das ist ein Gewinn. Die rote Linie verläuft dort, wo Beratung zu Diagnostik, Steuerung oder Therapieempfehlung wird.
Echte Zusammenarbeit heißt: Die Apotheke erkennt ein AMTS-Problem, dokumentiert es strukturiert und übermittelt es über KIM an die Praxis. Die Praxis ordnet es klinisch ein und entscheidet. Der Patient bekommt eine konsistente Botschaft. Das würde ich sofort unterschreiben.
Was wir stattdessen bekommen: zwei konkurrierende Medikationspläne, zwei verschiedene Aussagen zum selben Präparat, ein verunsicherter Patient und die Arztpraxis darf den Schaden reparieren, ohne dass dafür eine eigene, sachgerechte Leistungsziffer für diese Koordinationsarbeit existiert.
Ein letztes Wort?
Christian Sommerbrodt: Dieser Konflikt ist kein Berufsgruppen-Kleinkrieg. Er ist eine Grundsatzfrage zur Verantwortungsarchitektur unseres Versorgungssystems.
Wer neue Aufgaben will, muss zuerst Verantwortung, Datenzugang, Rückkopplung und Haftungsgrenzen klären. Sonst entsteht keine bessere Primärversorgung, sondern eine zweite Steuerungsebene ohne klare Gesamtverantwortung. Nicht die Apotheke ist das Problem. Das Problem ist eine Politik, die Versorgung in abrechenbare Fragmente zerlegt und am Ende niemand mehr weiß, wer eigentlich verantwortlich ist.
Apotheken sind unverzichtbare Partner. Aber Primärversorgung braucht ärztliche Diagnostik, klinische Einordnung und eine eindeutige Hauptverantwortung. Und solange ein Gesetz das eine finanziert und das andere entwertet, solange ist dieses Gesetz falsch.