Kursbestimmung in bewegten Zeiten
Delegiertenversammlung des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen
Kursbestimmung in bewegten Zeiten
Delegiertenversammlung des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen
Bad Soden-Salmünster, 28.2.2026 - Schon nach wenigen Minuten war klar: Diese Versammlung würde mehr sein als ein Routineprogramm. Die Delegierten des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen traten zusammen, um die Richtung vorzugeben – selbstbewusst und mit klarem Gestaltungswillen. Im Verlauf der Sitzung am 28. Februar zeigte sich aber auch, wie sehr die Hausärzteschaft derzeit unter Druck steht und zugleich als Schlüssel für eine funktionierende Versorgung gilt.
Mehr als 50 Delegierte aus 20 Bezirken des Verbandes waren zur Frühjahrsversammlung gekommen, und schnell war klar: Dies ist ein Moment der Standortbestimmung – für ein Fachgebiet, das vielerorts unter Druck gerät und zugleich als unverzichtbarer Teil der Lösung gilt. Die Agenda war dicht, die Debatten intensiv, und doch zog sich ein roter Faden durch den Tag: Die Hausärzteschaft will gestalten, nicht verwaltet werden.
Ein Verband, der wächst – und Position bezieht
Einen positiven Auftakt lieferte Schatzmeister Dr. Christoph Claus mit der Mitgliederentwicklung. „Wir wachsen kontinuierlich – 2024 waren es 2.824 Mitglieder, Ende 2025 bereits 2.907“, erklärte er. Ein Befund, der in Zeiten angespannter Versorgungssituationen keineswegs selbstverständlich ist.
Dass der Verband an Stärke gewinnt, wertete Vorsitzender Christian Sommerbrodt als Bestätigung: „Die Hausärzteschaft ist das Rückgrat der ambulanten Versorgung. Unser Einfluss entsteht, weil wir geschlossen auftreten.“
Die Delegierten machten klar, dass der Verband nicht nur politisch, sondern auch praktisch für Stabilität sorgt. Unter dem Tagesordnungspunkt „Warum sich eine Mitgliedschaft lohnt“ wurden die Kernargumente nochmals betont: die Sicherung und Weiterentwicklung der Honorare, die politische Einflussnahme auf Systemsteuerung und Reformprozesse sowie die strukturelle Zukunftssicherung des Fachgebiets – von Nachwuchsförderung über Digitalisierung bis zu neuen Versorgungsmodellen. Hinzu kommen konkrete Vorteile wie Fortbildungsangebote, Beratungsleistungen, rechtliche Expertise und ein starkes berufliches Netzwerk.
HSGH: Aufbruchsstimmung und wachsende Nachfrage
Einen Einblick in ihre Arbeit gaben Dr. Saloua Dillmann, seit 1. Januar Geschäftsführerin der Hausärztlichen Servicegesellschaft Hessen mbH (HSGH), und Henrik Keller, der – ebenfalls seit Jahresbeginn – Prokurist der HSGH ist. Die 2019 gegründete Tochtergesellschaft des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen versteht sich als Dienstleister für Fortbildung, Vertragsvorbereitung, Marketing und HZV-Unterstützung. Und das Angebot trifft auf Bedarf: Für 2025 vermeldet die HSGH bereits 2.341 Anmeldungen für ihre Seminare – ein erneuter Anstieg.
Besonders beliebt und erfolgreich: Das Quartals-Update und das Seminar zur Heilmittelverordnung der „Rauchenden Köpfe“ Timo Schumacher und Dr. Sabine Frohnes – ein Angebot, das nicht nur informiert, sondern spürbar entlastet – und nur in Hessen für Mitglieder des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes kostenfrei ist. Auch das Angebot an Pharmakotherapie-Zirkeln (PTQZ) wächst beständig. „Wir entwickeln unsere Angebote zielgerichtet weiter, damit Praxisteams sich effizient und praxisnah fortbilden können“, erklärten Dr. Dillmann und Keller.
Die große Debatte: Primärarztsystem oder Primärversorgungsstruktur?
Am ausführlichsten diskutierten die Delegierten ein Thema, das derzeit bundespolitisch Fahrt aufnimmt: die Frage nach einem Primärarztsystem. Die Grundidee – Hausärztinnen und Hausärzte fungieren als erste Anlaufstelle und steuern die Patientinnen und Patienten durch das System. Viele Länder praktizieren das längst, doch in Deutschland wird kontrovers darüber gestritten, ob die freie Arztwahl eingeschränkt werden müsste.
Der Verband bezog eine klare, aber differenzierte Haltung: Nicht ein starres Gatekeeping-Modell steht im Vordergrund, sondern eine Primärversorgungsstruktur, die Orientierung bietet, ohne zu bevormunden. Die Vorteile liegen aus Sicht der Delegierten auf der Hand:
- Hausärztinnen und Hausärzte kennen ihre Patientinnen und Patienten über Jahre hinweg und können Überweisungen gezielt steuern.
- Doppeluntersuchungen und unnötige Facharztkontakte lassen sich vermeiden – ein Gewinn sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für die Ressourcen.
- Gerade chronisch kranke Menschen profitieren von einer hausärztlichen Lotsenfunktion, die den Überblick behält.
- Steuerung bedeutet schnellere Termine, klare Wege, weniger Verwirrung im ohnehin komplexen System.
Mit Blick darauf verwiesen die Delegierten auf die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV), die seit 17 Jahren etabliert ist und stetig wächst. Sie gilt vielen als Beweis dafür, dass koordinierte Versorgung ohne Zwang möglich ist – getragen von Vertrauen, Freiwilligkeit und spürbarem Nutzen für Patientinnen, Patienten und Praxen. „Die HZV zeigt uns schon längst, wie Primärversorgung aussehen kann, wenn man sie konsequent denkt – und offen weiterentwickelt“, so Sommerbrodt. „Wir können das, und wir wollen das“, fasste Sommerbrodt die Debatte zusammen. „Eine kluge Primärversorgungsstruktur stärkt nicht uns, sondern die Patientinnen und Patienten. Sie schafft Übersicht, Geschwindigkeit und Qualität.“
Ein Verband in Bewegung
Am Ende stand das Gefühl, dass die Hausärzteschaft bereit ist, Verantwortung zu übernehmen – in der Versorgung, in der politischen Debatte, in der eigenen Profession. Die Delegiertenversammlung zeigte einen Verband, der wächst, sich professionalisiert und zugleich selbstbewusst Position bezieht. In Zeiten gesundheitspolitischer Turbulenzen ist das keine Kleinigkeit, sondern ein wichtiges Signal: Die Hausärztinnen und Hausärzte Hessens wollen gestalten. Und sie wissen, dass die Zukunft der ambulanten Medizin nicht ohne sie entschieden wird.