Ausbildung lohnt sich: Warum Hausarztpraxen jetzt auf MFA-Nachwuchs setzen müssen
Hattersheim, 22.1.2026 - Ohne Medizinische Fachangestellte funktioniert keine Hausarztpraxis – doch der Nachwuchs wird knapp. Ausbildungszahlen sinken, Abbruchquoten steigen. Warum es sich dennoch – oder gerade deshalb – lohnt, MFA auszubilden, welche Erwartungen junge Menschen heute haben und welche neuen Wege es gibt, Praxen zu unterstützen: Monika Buchalik und Christiane Hoppe werfen einen Blick auf Zahlen, Erfahrungen und Lösungsansätze aus Hessen.
Sie organisieren Abläufe, koordinieren Termine, übernehmen delegierbare Tätigkeiten und sind oft erste Ansprechpartnerinnen für Patientinnen und Patienten: Ohne Medizinische Fachangestellte läuft in Hausarztpraxen wenig. Doch genau diese Berufsgruppe wird zunehmend knapp. Der Fachkräftemangel macht auch vor den Praxistüren nicht halt – mit spürbaren Folgen für den Versorgungsalltag.
Ausbilden – und den eigenen Fachkräftebedarf sichern
„Jede Praxis, die heute ausbildet, sichert aktiv ihren eigenen Fachkräftebedarf“, sagt Monika Buchalik, zweite stellvertretende Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen und erste Beisitzerin im Präsidium der Landesärztekammer Hessen.
Christiane Hoppe ist Ärztin für Allgemeinmedizin und stellvertretende Vorsitzende des Ausschuss Carl-Oelemann-Schule des Landesärztekammer. Monika Buchalik ist zweite stellvertretende Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen und erste Beisitzerin im Präsidium der Landesärztekammer Hessen.
Eine MFA-Ausbildungsbefragung der Landesärztekammer Hessen aus dem Jahr 2025 zeigt: Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist in den vergangenen Jahren leicht gesunken – von 1.196 im Jahr 2022 auf 1.150 im Jahr 2024. Gleichzeitig befinden sich rund 3.892 MFA in Ausbildung. Rund 70 Prozent der Auszubildenden werden nach Abschluss von ihrem Ausbildungsbetrieb übernommen. Für Praxen bedeutet das Kontinuität – und für junge Menschen eine verlässliche Perspektive.
Das Argument vom sicheren Arbeitsplatz zieht nicht mehr
Doch wer glaubt, mit dem klassischen Argument vom „sicheren Arbeitsplatz“ punkten zu können, greift zu kurz. Gerade jüngere Menschen lassen sich davon kaum noch überzeugen. Nähe zum Wohnort, Arbeitsplatzsicherheit, feste Strukturen – all das reicht vielen nicht mehr. Die Abbruchquote in der MFA-Ausbildung liegt heute bei fast einem Drittel. 2008 waren es noch knapp 19 Prozent.
Sinnhaftigkeit spielt für Azubis eine zentrale Rolle – hier punkten Hausarztpraxen
Die Gründe dafür seien vielfältig, sagt Buchalik: „Junge Menschen brechen eine Ausbildung ab, wenn sie keinen Sinn sehen, sich nicht ernst genommen fühlen oder keine Entwicklungsmöglichkeiten erkennen“, so die Hausärztin. Der Arbeitsmarkt biete derzeit genügend Alternativen – die Entscheidung gegen eine Ausbildung sei daher schneller getroffen als früher.
Für Hausarztpraxen liegt darin zugleich eine Chance. Denn die Anforderungen der sogenannten Generation Z sind klar benennbar. Sinnhaftigkeit spielt eine zentrale Rolle – und genau hier, so Buchalik, hätten Arztpraxen eigentlich einen Vorteil. „Unsere Arbeit ist sinnvoll. Wir helfen Menschen. Das müssen wir aber auch deutlich machen und vorleben.“
Ausbildung bedeutet nicht automatisch Mehrarbeit für Praxisinhaber
Dass Ausbildung nicht automatisch Mehrarbeit für Praxisinhaberinnen und -inhaber bedeutet, zeigt ebenfalls die LÄKH-Befragung. Den größten Teil der Anleitung übernehmen bereits ausgebildete MFA. In 93 Prozent der Praxen kümmern sich leitende MFA überwiegend um die Betreuung, in 83 Prozent weitere qualifizierte Fachangestellte. Ärztinnen und Ärzte selbst sind punktuell eingebunden. „Ausbildung ist Teamarbeit“, sagt Buchalik. „Und sie funktioniert gut, wenn die Rollen klar verteilt sind.“
Neue Angebote der Landesärztekammer Hessen
Wie ernst die Lage inzwischen ist, beschreibt Christiane Hoppe, Fachärztin für Allgemeinmedizin, stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss der Carl-Oelemann-Schule und Mitglied im Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hessen. „Es wird immer schwieriger, Medizinische Fachangestellte als qualifizierte Fachkräfte für Arztpraxen zu finden“, sagt sie. Viele Praxen sähen sich gezwungen, Personen ohne medizinische Ausbildung einzustellen. „Allen ist klar: Anlernen ersetzt keine dreijährige Berufsausbildung. Die Patientensicherheit muss oberstes Ziel bleiben.“
Gleichzeitig brauche es pragmatische Lösungen, um Praxen im Alltag zu entlasten. Mit Blick darauf hat die Carl-Oelemann-Schule (COS) der Landesärztekammer Hessen mit „Fit für den Einstieg“ und der „Externenprüfung“ neue Angebote geschaffen (siehe unten). „Wir wollen keine ‚MFA light‘“, betont Hoppe. „Aber wir sehen den dringenden Handlungsbedarf, einfache Tätigkeiten qualifiziert delegieren zu können – ohne Abstriche bei Qualität und Sicherheit.“
Unterm Strich bleibt die MFA-Ausbildung für Hausarztpraxen eine strategische Entscheidung. Sie kostet Zeit, Aufmerksamkeit und Engagement. Aber sie zahlt sich aus: durch stabile Teams, geringere Fluktuation, kürzere Einarbeitungszeiten – und nicht zuletzt durch eine verlässliche Patientenversorgung.
Oder, wie Monika Buchalik es formuliert: „Ausbildung ist kein Risiko. Sie ist ein Wettbewerbsvorteil.“
Neues Bildungsangebot der Landesärztekammer
„Fit für den Einstieg“
Das Bildungsangebot „Fit für den Einstieg“ richtet sich an Neueinsteiger*innen in Arztpraxen sowie an Wiedereinsteiger*innen. In einer viertägigen Blockveranstaltung werden grundlegende Kompetenzen vermittelt – darunter Praxishygiene, einfache Messverfahren, Vorbereitung von Injektionen und Infusionen, Verbandstechniken, Patientenkommunikation und ein Basistraining zu Notfällen.
Weitere Informationen: Fit für den Einstieg
Externenprüfung zur MFA
Für Mitarbeitende, die bereits seit mehreren Jahren in Arztpraxen tätig sind, jedoch keinen formalen MFA-Abschluss besitzen, besteht die Möglichkeit zur Externenprüfung. Sie ermöglicht den anerkannten Berufsabschluss und eröffnet neue Qualifizierungs- und Entwicklungsperspektiven.
Weitere Informationen: Externenprüfungen