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„Wir brauchen ein intelligentes Primärarztsystem“

„Wir brauchen das Primärarztsystem – aber es muss intelligent umgesetzt werden, mit klar definierten Aufgaben und einer angemessenen Finanzierung. Nur so können wir die Versorgung in Zukunft sichern“, sagt Christian Sommerbrodt, erster Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, im Interview. „Hausärztinnen und Hausärzte sind keine Instanz, die nur Überweisungen schreibt oder für Fachärzte die Terminvermittlung übernimmt.“

Herr Sommerbrodt, was halten Sie vom Primärarztmodell?

Sommerbrodt: Das Primärarztmodell ist aus unserer Sicht ein notwendiger Schritt, um die hausärztliche Versorgung in Deutschland angesichts des demographischen Wandels zukunftsfähig zu machen. In den vergangenen Jahren hat man versucht, den zunehmenden Terminmangel mit verschiedenen Steuerungsmechanismen wie der Neupatientenregelung oder den Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen zu begegnen. Die Hoffnung war, noch ungenutzte Terminreserven in den Praxen zu heben. Doch diese Reserven sind inzwischen weitgehend ausgeschöpft. Auch wir Hausärztinnen und Hausärzte können nur einen Patienten nach dem anderen versorgen – und unendlich arbeiten können wir ebenfalls nicht. Zusätzliche Sprechstunden am Abend oder am Samstag klingen zwar auf den ersten Blick attraktiv, rechnen sich aber meist nicht so, dass wir dafür eine oder zwei neue Mitarbeiterstellen finanzieren könnten. Oder ich schränke meine Sprechstunden in der Woche ein, damit wäre aber niemanden geholfen. Die Belastungsgrenze in den Praxen ist erreicht.

    Viele Praxen klagen über zunehmende Arbeitsverdichtung. Gibt es überhaupt noch Spielraum für mehr Sprechstundenzeiten?

    Sommerbrodt: Ehrlich gesagt, nein. Die Möglichkeiten, noch mehr Sprechstundenzeiten aus den Praxen „herauszupressen“, sind bei der aktuellen budgetierten Bezahlung ausgereizt. Fachärzte bekommen schon jetzt nur rund 80 Prozent ihrer Leistungen vergütet. Wir Hausärzte sollen erst noch endbudgetiert werden. Die Vorschläge, die aktuell diskutiert werden, sind allerdings wenig ermutigend: Zwar sollen neue Patienten entbudgetiert werden – aber gleichzeitig sollen zum Beispiel Ultraschallleistungen oder die psychosomatische Grundversorgung stärker budgetiert werden. So wird die Entbudgetierung der Hausärzte im besten Fall ein „linke Tasche, rechte Tasche“-Spiel. Letztlich fordern die Politik und die Krankenkassen, dass wir Termine anbieten, ohne dass sie dafür bezahlen müssen.

    Was kann das Primärarztsystem konkret leisten, und wo sehen Sie die Vorteile?

    Sommerbrodt: Ein gut organisiertes Primärarztsystem kann genau das leisten, was unser Gesundheitssystem dringend braucht: eine sinnvolle Steuerung und Entlastung. Nehmen wir das Beispiel Kopfschmerzen: Dahinter können ganz unterschiedliche Ursachen stecken – neurologische, orthopädische, HNO-ärztliche oder internistische. Sollen Patientinnen und Patienten sich wirklich durch all diese Fachgebiete arbeiten? Hier braucht es eine Vorfilterung, und oft kann die Hausarztpraxis das Problem direkt lösen. Ebenso wichtig sind die Versorgung chronisch erkrankter Menschen und die Prävention. Hausärztinnen und Hausärzte übernehmen damit die Position der zentralen Lotsen im System und sind nicht nur Überweisungsstellen oder Terminvermittler. Die Position der Hausärzte muss deshalb gestärkt werden.

    Sind die Hausärzte überhaupt bereit, diese Rolle zu übernehmen – und ist das realistisch angesichts des Nachwuchsmangels?

    Sommerbrodt: Die Frage, ob die Hausärzte das alles stemmen können, geht am eigentlichen Problem vorbei. Die Wahrheit ist: Wir führen diese Debatte viel zu spät. Ein Umbau des Gesundheitssystems und neue Zugangswege für Patientinnen und Patienten bedeuten zunächst mehr Arbeit. Aber wenn wir jetzt nicht so schnell wie möglich anfangen, brechen uns immer mehr Ressourcen weg, die wir für einen Umbau des Gesundheitssystem brauchen. Dazu gehören auch die Hausärztinnen und Hausärzte, die nicht mit immer mehr Aufgaben und Bürokratie belastet werden dürfen, sondern Freiraum brauchen, um Patientinnen und Patienten gut versorgen und die neuen Aufgaben übernehmen zu können.


    Nach der aktuellen Umfrage „Wie wollen Hausärztinnen und -ärzte zukünftig arbeiten?“ der Bertelsmann Stiftung will ein großer Teil der Hausärztinnen und Hausärzte in den kommenden Jahren aufhören

    Sommerbrodt: … und das zeigt, wie ernst die Lage ist und wie wichtig es ist, die hausärztliche Arbeit attraktiver zu gestalten, um die Versorgung zu sichern. Und genau darum geht es bei der Diskussion.
    Hausärzte sind keine Instanz, die nur Überweisungen schreibt oder für Fachärzte die Terminvermittlung übernimmt. Wir brauchen das Primärarztsystem – aber es muss intelligent umgesetzt werden, mit klar definierten Aufgaben und einer angemessenen Finanzierung. Nur so können wir die Versorgung in Zukunft sichern.

    Herr Sommerbrodt, vielen Dank für das Gespräch.