ePA-Rollout am 29. April:
Fünf Fragen an Christian Sommerbrodt
Hattersheim, 24.5.2025. In wenigen Tagen steht der bundesweite Rollout der ePA an. „Aktuell gibt es, außer dem Starttermin, noch nicht sehr viel mehr Informationen als vor ein paar Wochen“, sagt Christian Sommerbrodt. Wir haben den ersten Vorsitzenden des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen nach dem Stand der Dinge gefragt.
Herr Sommerbrodt, seit Januar 2025 wurde die ePA in drei Modellregionen getestet. Nach einer verlängerten Testphase soll sie nun ab 29. April allen gesetzlich Versicherten in Deutschland zur Verfügung stehen und ab Oktober in Arztpraxen und Kliniken verpflichtend sein. Wie ist der Stand der Dinge in den Praxen?
Christian Sommerbrodt: Mehr als Schulungsvideos, wie die ePA in meiner Praxissoftware funktionieren soll, habe ich noch nicht gesehen – und die meisten Kolleginnen und Kollegen auch nicht. Ein Problem ist sicher, dass wir in Deutschland in den niedergelassenen Praxen mehr als 100 verschiedene Praxisverwaltungssysteme (PVS) haben, von denen allerdings 20 den größten Teil des Marktes abdecken.
Erschwert dies den Austausch unter Kolleginnen und Kollegen?
Christan Sommerbrodt: Definitiv. In manchen PVS-Systemen funktionieren Anwendungen gut, die in anderen Systemen weniger gut funktionieren. Maßgeblich für den Erfolg des Einsatzes sind aber die Funktionen der unterschiedlichen PVS. Praxen, in denen die ePA zu deutlicher Mehrarbeit führt, werden dies weniger „begeistert!“ umsetzen, als Praxen in denen die Funktionen der ePA reibungslos funktionieren.
Wie sehen Ihre Patientinnen und Patienten die ePA?
Die meisten Kolleginnen und Kollegen mit denen ich spreche, erleben ein sehr geringes Interesse der Patientinnen und Patienten an der ePA. Auch in meiner Sprechstunde ist die ePA aktuell noch so gut wie kein Gesprächsthema. Die Krankenkassen sind offenbar noch nicht in eine flächendeckende Aufklärung gegangen, so dass ich erwarte, dass der bundesweite Rollout recht langsam beginnt und erst über den Sommer Fahrt aufnehmen wird.
Wo sehen Sie die meisten Hürden?
Patienten müssen zwar nichts tun, wenn sie die ePA haben wollen. Aber wenn man sie nutzen will, muss man sich bei der Krankenkasse natürlich um einen Zugang bemühen. Hier erwarte ich die meisten Hürden, vor allem bei Bürgern, die nicht so digital affin sind. Vor allem erwarte ich hier auch Konfliktpotential, weil viele sich mit der ePA und dem, was sie bedeutet, erst in den kommenden Monaten beschäftigen werden. Unter Umständen werden sie dann in ihrer ePA Informationen finden, die sie selber so nicht darin haben wollen. Und sie werden über die Diagnosen überrascht sein: Jeder Besuch setzt eine Diagnose voraus, das ist vielen nicht bewusst. Vor allem bei psychischen Diagnosen oder bei Verdachtsdiagnosen bei der Abklärung von auffälligen Laborergebnissen könnte das schnell zu Missverständnissen führen.
Was erwarten Sie von der Politik, der gematik und den Krankenkassen?
Fest steht: Die ePA hat das Potenzial, den Alltag in den Arztpraxen zu verbessern. Und die Hausärztinnen und Hausärzte wünschen sich auch eine funktionierende ePA. Vieles klappt technisch allerdings noch nicht – hier sind dringend Nachbesserungen erforderlich, wenn die ePA ab Oktober in Artpraxen und Kliniken verpflichtend sein soll. Von den Krankenkassen erwarten wir, dass sie ihre Patientinnen und Patienten informieren und dies nicht uns Ärztinnen und Ärzten überlassen.
Herr Sommerbrodt, vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Infos: Bereits im November vergangenen Jahres hatte die AG Digitales des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen mit Blick auf die eingeschränkte Funktionalität der ePA einen Forderungskatalog aufgestellt.