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Klartext Hausarztmedizin

Neue Kolumne: Klartext Hausarztmedizin

Hattersheim, 14.5.2026 - Was passiert, wenn Hausarztpraxen nicht laut protestieren, sondern still verschwinden? Wenn Ärztinnen und Ärzte nach Jahrzehnten der Versorgung ihre Praxis schließen, weil sich keine Nachfolge findet – und Patientinnen und Patienten plötzlich ohne vertraute medizinische Anlaufstelle dastehen? In seiner neuen Kolumne „Klartext Hausarztmedizin“ ordnet Christian Sommerbrodt, 1. Vorsitzender des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes Hessen, aktuelle gesundheitspolitische Entwicklungen aus hausärztlicher Perspektive ein: persönlich, klar und mit Blick auf die Realität in den Praxen.

Die stille Abstimmung

„Ich liebe meinen Beruf. Aber ich bin kein Freiwild.”

Ich bin Hausarzt in Wiesbaden. Seit über 20 Jahren. Ich kenne die Gesichter meiner Patienten, ihre Familien, ihre Ängste. Ich weiß, wenn jemand lügt, dass es ihm gut geht. Ich erkenne Burnout hinter Rückenschmerzen und Einsamkeit hinter Schlaflosigkeit. Das ist mein Beruf. Den liebe ich.

Aber ich mache mir Sorgen. Nicht um mich — um das, was kommt.

Ich denke an einen Kollegen aus dem Rheingau-Taunus-Kreis. Anfang 60, gut ausgelastet, loyaler Vertragsarzt sein ganzes Berufsleben lang. Er hat seine Praxis Ende letzten Jahres geschlossen. Kein Nachfolger gefunden — obwohl er monatelang gesucht hat. Keine jungen Ärzte wollten die Praxis übernehmen. Nicht weil die Lage schlecht wäre. Die Lage ist gut: Taunus, stadtnahe ländliche Versorgung, treue Patientenklientel, solide Infrastruktur. Und trotzdem: niemand.

Er hat einfach aufgehört. Die Praxis ist zu. Seine Patienten suchen jetzt einen neuen Arzt — in einer Region, in der die nächste freie Stelle Kilometer entfernt ist.

Niemand hat gestreikt. Niemand hat demonstriert. Er hat gerechnet — und aufgehört.

Das ist die stille Abstimmung. Und sie läuft bereits.

Wenn im Taunus eine Praxis schließt, verlieren Patienten nicht nur einen Arzttermin. Sie verlieren oft die einzige kontinuierliche medizinische Bezugsperson — jemanden, der ihre Krankengeschichte kennt, der Zusammenhänge sieht, der im richtigen Moment nachfragt. Das lässt sich nicht durch eine Videosprechstunde ersetzen und nicht durch eine Notaufnahme in Bad Schwalbach oder Idstein, die ohnehin schon am Limit arbeitet.

Ich bin nicht nur niedergelassener Hausarzt. Ich bin Vorsitzender des Hausärzteverbands Hessen und Bundesschatzmeister im Deutschen Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Ich sitze in Gremien, lese Gesetzesentwürfe, führe Gespräche mit Politikern. Ich kenne die Zahlen. Und ich sage Ihnen: Sie sind alarmierend.

Rund 130.000 Ärzte sind noch in Eigenpraxis tätig — gegenüber inzwischen rund 60.000 angestellten Ärzten. Laut KBV verbringt der durchschnittliche Vertragsarzt heute rund 61 Tage im Jahr mit Administration. Nicht mit Patienten. Mit Formularen, Genehmigungsanträgen, Dokumentationspflichten. Das ist ein Werktag pro Woche — bezahlt mit demselben Honorar, das für fünf Tage Versorgung bemessen wurde. Und die Personalkosten in Praxen sind zwischen 2020 und 2023 um 26,5 % gestiegen — bei Honoraren, die strukturell dahinter zurückgeblieben sind.

Im Taunus sehe ich das hautnah. Regionen, die auf dem Papier noch als versorgt gelten, weil formal eine Praxis existiert — in der aber ein Arzt kurz vor der Rente sitzt und keinen Nachfolger findet. Wenn er geht, ist die Praxis weg. Und mit ihr die Versorgung für Hunderte, manchmal Tausende Patienten.

Junge Ärztinnen und Ärzte rechnen nach — und sie rechnen klarer als unsere Generation. Anstellung statt Investitionsrisiko. Teilzeit statt 60-Stunden-Woche. Das ist nicht Faulheit. Das ist Vernunft.

Das Problem ist: Wenn alle vernünftig sind, fehlen die, die das System tragen.

Mein Kollege aus dem Rheingau-Taunus ist kein Einzelfall. Er ist ein Frühindikator. Und der Taunus — trotz seiner Stadtnähe zu Wiesbaden und Frankfurt — ist kein Schutzraum vor dieser Entwicklung. Er ist mittendrin.

Diese Entwicklung ist nicht unaufhaltsam. Sie ist politisch steuerbar. Aber sie erfordert, dass die Parteien — lokal wie überregional — aktiv den Dialog mit den Ärzten suchen. Nicht nach der Entscheidung. Nicht in der Anhörung, die das Ergebnis nicht mehr beeinflusst. Sondern vorher. Ernsthaft. Auf Augenhöhe.

Das Sparprogramm kommt. Das System muss sich verändern — das akzeptiere ich. Aber diese Veränderung darf nicht als stiller Abbau geschehen, bei dem Praxis für Praxis verschwindet, während in Berlin Gesetze beschlossen werden, die niemand mit denen abgestimmt hat, die sie täglich umsetzen müssen.

Was passiert, wenn mehr von uns so rechnen wie mein Kollege?

Das ist die Frage, über die wir reden müssen. Ehrlich, laut — und zusammen.

Christian Sommerbrodt
1. Vorsitzender Hausärztinnen- und Hausärzteverband Hessen e. V.